Abendland ist Abgebrannt (Geschichten von der Mobilen Gesellschaft)

Noch nicht das ganze Abendland, aber zumindest eine Klimaanlage ist in der brutalen Hitze der Stadt abgeraucht.

Heute abend sind gleich drei Regionalzüge (Takt: 30 Minuten) ausgefallen. Grund ist eine defekte Klimaanlage. Die Passagiere in spe freuen sich über den einfahrenden Zug — aber gleich die Enttäuschung: Lokführer und Zugführerin springen aus dem Zug und teilen dem (inzwischen fast) Mob mit, dass auch dieser Zug eingezogen würde.

Grund: Die Klimaanlage sei ausgefallen, es ist unterträglich heiß im Zug.
In früheren Zeiten konnte man noch wählen, ob man am Bahnhof unter der Hitze litt, oder im fahrenden Waggon (weitere Optionen gab es mangels Klimaanlagen im Zug nicht). Jetzt ist den Bundesbahnen das Risiko zu hoch, dass jemand während der Fahrt einen Hitzschlag erleiden könnte, und die Bahn dafür haftbar gemacht werden könnte.
Modern Times.

Also keine Option mehr. Alle müssen warten.
Material kaputt.
Selbstverantwortung kaputt.
Warten auf Godot.


Ergänzung 6.8.2026

Bin gerade am Bahnhof vorbeigelaufen.
Es ist ein Zug eingefahren, eine junge Frau wollte einsteigen,
Kopfhörer auf, Blick fest auf's Handy gerichtet,
drückt sie den Knopf zum Öffnen der Zugtür.

Die Tür ging nicht auf.

Ihr Kopf war keinen halben Meter von der Zugtür entfernt,
genau in der Höhe in der der große gelbe Aufkleber
(wir Stammgäste der Bahn kennen ihn nur zu gut)
prangt: Tür defekt.

Sicherlich 15 Sekunden vergehen, vielleicht ein paar mehr.
Der Blick der jungen Frau immer noch auf dem Handybildschirm.

Plötzlich dämmert ihr, dass etwas nicht stimmt.
Sie hebt den Kopf und sieht das Schild.

Ein Boomer wie ich wäre kurz zusammengezuckt, um dann schnell die nächste Tür zu erreichen.
Sie schlendert gemütlich zur nächsten Tür und steigt ein.
Kein anderer Passagier wollte ein- oder aussteigen,
aber zum Glück für die Frau hat der Lokführer sie wohl gesehen.
Und hat gewartet.

Faszinierend.