Ein Meinungsartikel von 1981: „Atomarer Holocaust über Deutschland !?“
1981 hatte die DARPA gerade erst das Internet in seiner Urform entwickelt,
Blogs gab es da noch keine.
Nichtsdestotrotz fanden die Menschen auch damals Wege, ihre Meinung zu publizieren,
abseits von Leserbriefen oder ganzen Büchern.
Beim Ausräumen eines alten Hauses fand ich folgenden zweiseitigen Text,
in dem sich ein Unternehmer aus Oberösterreich zur Geopolitischen Lage,
den Spannungen zwischen den USA und Russland, mit Europa und insbesondere Deutschland in der Mitte, äußert.
Spannend auch, wie aktuell dieser 45 Jahre alte Text sich immer noch liest, zentrale Aussagen könnten auch aus einem aktuellen Meinungskommentar eines Journals stammen:
Dr. Fritz Greiner, Linz, im August 1981
Atomarer Holocaust über Deutschland !?
"Das große Carthago führte 3 Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten, es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten."
— Bert Brecht 1951
Es darf nicht schweigen, wer sich verantwortlich fühlt und eine nahe drohende Gefahr für Leib und Leben seiner Mitbürger zu sehen vermeint. Auch nicht auf die Gefahr hin, mißverstanden zu werden. Tatsächlich findet man sich dabei in recht gemischter Gesellschaft. Doch gilt wohl nur für wenige der Slogan: Lieber rot als tot!! — ganz abgesehen davon, daß mit rot nicht viel gemacht wäre, denn aus US-Sicht müßte ein roter Deutscher erst recht ein toter Deutscher sein — vielmehr vertraut man ungeachtet allen moralischen Verfalles auf Genesung in einer gesunden, lebendigen Demokratie — sofern man nur überlebt.
Der sowjetische Imperialismus
Während diese Gefahr unter Stalin akut war und ohne Hitler gewiß spätestens 1940 ganz Europa dem Bolschewismus anheim gefallen wäre — 200 Millionen Menschen, mit Eisen, Nickel, Öl, was man will, alles unbegrenzt, und an der Spitze ein Mann, eine ungeheure Persönlichkeit, ein Asket, der mit eiserner Faust dieses Reich zusammenfaßt, der sagt: "13 Millionen, ist das zu viel für eine große Idee?!” (Adolf Hitler 1943) — haben heute die Sowjets mit eigenen Schwierigkeiten, wirtschaftlichen und politischen, sowie mit den Satelliten, alle Hände voll zu tun und könnten derzeit, wollten sie es, nicht im Schlafe daran denken, sich Europa oder Teile davon einzuverleiben, selbst, wenn es ihnen durch Versagen der westlichen Demokratien als reif-faule Frucht in den Schoß fiele. Derzeit!
Der amerikanische Imperialismus
Dem Traum Hitler’s von Europa als Weltmacht, neben der USA und der UdSSR, unter deutscher und englischer Führung, mit dem Nahen Osten und Afrika als Rohstoffbasis, folgte ein bitteres Erwachen. Europa hat als Macht zu bestehen aufgehört — die EG ist kaum mehr als eine Schönwettergesellschaft — und leidet an den Folgen des schlimmen Herzinfarktes des Volkes in der Mitte. Die USA erwiesen sich als leichtfertige Erben des englichen Empire und wollen nun verlorenes Terrain wieder aufholen. Ihr Handlungsspielraum ist durch die andere Weltmacht, Russland, begrenzt. Diese gilt es auszuschalten, um ungestörten Zugriff auf das Öl im Nahen Osten und die Bodenschätze Afrikas zu haben. Russland allein steht den Weltherrschaftsplänen der USA — und der Mächte dahinter — im Wege. Schon ist nicht mehr von Gleichgewicht die Rede, sondern von atomarer Überlegenheit.
Der Weg zur US — Weltherrschaft
a) Man stellt fest, daß der Osten ein gewaltiges Übergewicht an atomaren Mittelstreckenraketen besitzt — 8:1 — und man deshalb "nachrüsten" müsse. Selbstverständlich werde man auch verhandeln — mit dem ’Gleichgewicht‘ als illusionärem Ziel — doch wird man dabei nicht recht vorankommen.
b) Inzwischen wird man die Pershing II und Cruise missiles in Stellung bringen. Überwiegend, oder allein, auf deutschem Boden, versteht sich. Das findet auch Mitterand — offenbar zuerst Franzose, dann Genosse — ganz in Ordnung so.
c) Ein Anlaß, um auf's Knöpfchen zu drücken — das haben sich die Amerikaner vorbehalten — wird rasch gefunden sein. Wenn dem nicht der zu Recht sich bedroht fühlende Russe zuvorkommt. Russland wird nachhaltig geschwächt, doch dem "second strike" wird Deutschland nicht entgehen. Es wird ”ausgelöscht" (Brandt) werden.
d) Skrupel werden deswegen weder die USA noch die UdSSR plagen. Während diejenigen, die im Hintergrund den Gang der Ereignisse bestimmen, die Gerechtigkeit ihres Gottes preisen werden, daß er für die Erfüllung des "Gesetzes" — der Rache bis ins dritte Glied — sorgte.
e) Nicht nur sind dann die USA einen lästigen Konkurrenten los, sie können sich auch unbehindert der Bodenschätze in aller Welt bedienen, bis auch diese vertan sind.
So das "Szenario" des “nuclear theater in Europe". Ob uns als einzige Hoffnung nur die Furcht der Regisseure vor einem “third strike", der nie ganz auszuschließen ist, bleibt?
"It is ironical to note that the nuclear theater in Europe .... ”
Der US-Admiral R. La Roque soll mit einigen seiner Erklärungen auf der “Conference of nuclear war in Europe", in Groningen vom 22. — 24.4.1981, in seiner Muttersprache zu Wort kommen:
"There is a growing feeling in the U.S. that a nuclear war could be limited to Europe. Some in the U.S. believe that even after nuclear war starts in Europe that the U.S. and the Sowjet Presidents could agree by hot line not to attack each others home land. The French and the British may also wish to establish a hot line for direct communication with Moscow."
"It is ironical to note that the nuclear theater — as losely defined by the Nuclear Planning Group of NATO - includes only the nations who have no nuclear weapons of their own. Regardles of any a arrangements.... the inhabitants of the nuclear theater will all be dead and the theater destroyed.”
"It seems unfair that the nuclear war will be fought over and in the nations wich have nothing to say wheter nuclear weapons are be used. The initiatives of change must come from those countrys.”
Gert Bastians Bedenken als General und Staatsbürger
General Bastian ist am 30,9.1980 aus der Bundeswehr ausgeschieden, weil er den Trend zur nuklearen Nachrüstung mit allen seinen höchstwahrscheinlichen Folgen für die ihm unterstellten 20.000 Soldaten nicht mehr verantworten und tragen zu können glaubte. Am 13.3.1981 hielt er in der Stadthalle Bremen eine Rede, der folgende Sätze entstammen:
"Die größte Gefahr für Europa, wenn nicht für die ganze Welt, liegt darin, daß wir der nuklearen Rüstung ein Verhalten zugrundelegen, wie wir es von der konventionellen Rüstung gewohnt sind, ohne deren prinzipielle Andersartigkeit zu be- rücksichtigen.”
“Die irrige Zwangsvorstellung von der permanenten Bedrohung des Westens durch den Osten und von dessen ungeheurer Überlegenheit. Jedoch zeigt sich, daß dieses Bündnis sozialistischer Länder, weil von inneren Spannungen mehr erschüt- tert als gefestigt, ganz und gar nicht das Bild eindrucksvoller Stärke bietet. Wenn ich auch einen Angriff aus dem Osten aus vielen Gründen für unwahrscheinlich halte, so meine ich, daß die NATO stark genug ist, ihm standzuhalten.”
"Die Bundesregierung mag an die Gleichgewichtigkeit der beiden Elemente des Nato-Doppelbeschlusses, Verhandeln und Nachrüsten geglaubt haben, doch inzwischen hat sich recht deutlich gezeigt, daß unsere Schutzmacht (?), die USA, die- sen Doppelcharakter der Brüsseler Beschlüsse nicht in gleicher Weise gewichtet.”
"Ich lehne die Entwicklung jeglicher Nuklearwaffe ab. Wenn nämlich ein Nuklearkrieg durch Verfeinerung des Instrumentariums führbar wird, dann steigt die Gefahr, daß er eines Tages auch wirklich über uns kommt. Hingegen bin ich nach wie vor für eine angemessene Anstrengung zur Verteidigung auf konventioneller Ebene.”
“Vor der Wasserstoffbombe mußte der Mensch mit dem Gedanken an seinen individuellen Tod leben. Von jetzt an muß die Menschheit mit dem Gedanken an ihren Tod als Species leben.”
— Arthur Koestler
“Helmut, sag’ ihnen doch, unter welchem Druck du stehst!"
So der Berliner Pastor und vormalige Innensenator Albertz während einer Podiumsdiskussion über die "Nachrüstung” beim evangelischen Kirchentag heuer in Hamburg zu Bundeskanzler Dr. Schmidt. Dieser schwieg. Doch wer diesen Appell von Albertz über das Fernsehen miterlebte, war erschüttert und wußte Bescheid.
Es geht hier nicht darum, Schmidt in Schutz zu nehmen — es muß es ohnedies unter den gegebenen Umständen erst einer besser machen — auch hat er gewiß, als ehem. Oberleutnant der Wehrmacht, des Unguten oft zu viel getan und seine "Dienstbefließenheit" gegenüber den Siegern übertrieben, wenn auch nicht bis zum Kniefall wie Brandt, doch ist in der Tat die Stellung eines jeden deutschen Politikers, so er seinem Land aufrichtig dienen will, fatal. Nicht nur daß die Bundesrepublik nach wie vor besetzt und, bar jeglicher Rohstoffe von Belang, ganz und gar der USA ausgeliefert ist, auch die "öffentliche Meinung” muß sich nach den Direktiven der “Schutzmacht” richten.
So müssen wir uns als Heloten (Waffenknechte) sehen, die ihren Wohlstand, ihr Leben und Überleben weitgehend ihrem Wohlverhalten und ihrem "Pflichtbewußtsein" verdanken und vielleicht demnächst — man kann nicht immer gleich mit dem Atomhammer zuschlagen — als vaterlandslose Gesellen etwa im Nahen Osten ihre Söldnerdienste leisten. Dazu soll deutsches Soldatentum und Nibelungentreue wieder fröhliche Urständ feiern.
So muß sich mit der Rolle eines Ambosses bescheiden, wer nicht Hammer sein wollte. Volk und Staatsführung sieht sich einer fast ausweglosen Situation gegenüber, schwankend zwischen Szylla und Charybdis — ohne einen Odysseus als Steuermann.
Die Neutronenbombe als weiterer Schritt zum nuklearen Krieg
Unser Überleben hängt davon ab, daß wir den nuklearen Konflikt vermeiden, indem wir die Stufe zum Einsatz dieser Waffen möglichst hoch halten. Die "saubere" Neutronenbombe mit begrenzter Reichweite — das Material ist ihr wichtiger als der Mensch, als letzte Perversion der materialistischen Einstellung unserer Zeit, — bewirkt jedoch das Gegenteil und erleichtert den ersten Schritt dahin, setzt die Schwelle herab.
Der Londoner “Daily Mirror” meint dazu (It. "Spiegel” 34/81, S. 23):
"Wenn diese Waffen (Neutronenbomben) je eingesetzt werden sollten, dann auf deutschem Territorium. Das russische oder amerikanische Kernland wird davon nicht berührt. Diese Gewißheit kann in Europa nur den Verdacht bestärken, daß die USA und die Sowjetunion sehr wohl bereit sein würden, bis zum letzten Verbündeten zu kämpfen.”
Kein Ausweg aus diesem Dilemma !?
Manche Alternative wird angeboten. Bedingungslose Treue zu den USA — wie vorexerziert bei den olympischen Spielen in Moskau — und allen damit verbundenen Gefahren, über eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa bis zu einer Annäherung an Russland. Der Haken ist nur, daß stets die USA und Russland miteinverstanden sein müssen.
Nun weiß man aber, wie heute üblich, daß als erklärter Feind gilt, wer nicht vorbehaltlos zustimmt und mitmacht. Einem Volke mit dieser Begabung — trotz allem noch — kann man einen Neutralismus nicht gestatten, geschweige denn eine Annäherung an Russland. Das würde erst recht eine Bedrohung des "Weltfriedens" darstellen bzw. ein Hemmschuh für die Weltherrschaft der USA sein. Hier aber versteht man keinen Spaß, dafür ist jedes Mittel recht, ja gottgewollt.
Scheint also nach dem Brand- und Sprengbombenholocaust des letzten Krieges der Atombombenholocaust über Deutschland unabwendbar? Oder ist es doch nie zu spät, so man die Gefahr nur rechtzeitig erkennt?
Ein schwacher Trost zumindest bleibt
Ist der Deutsche von heute — allzugründlich "umerzogen", in seiner Seele vergiftet und dem Vaterland entwurzelt — auch nicht mehr das, was er noch vor 40 Jahren war, so mag für ihn dessenungeachtet und zuwider aller Verteufelung und Verleumdung durch die “Weltpresse" gelten, was der Dichter Friedrich Hebbel (1813-1866) von ihm sagt:
“Es ist möglich, daß der Deutsche noch einmal von der Weltbühne verschwindet, denn er hat alle Eigenschaften, sich den Himmel zu erwerben, aber keine einzige, sich auf dieser Erde zu behaupten. Und alle Nationen hassen ihn, wie die Bösen den Guten.
Gelingt ihnen aber wirklich einmal, ihn zu verdrängen, dann wird ein Zustand entstehen, in dem sie ihn wieder mit den Nägeln aus dem Boden kratzen möchten."
In diesem Sinne und in tiefer Sorge
Ihr Dr. F. Greiner