Realität? Irrtum? Lüge? Was unsere Belege wirklich belegen
Erkenntnistheorie ist einer der interessantesten Teilgebiete der Philosophie. Nicht nur, weil es in das Mark des Mensch-seins geht — was ist Wissen und was können wir wissen? — sondern auch, weil die Erkenntnis über die Erkenntnis unsere alltägliche Wahlfreiheit bestimmt.
2026, Österreich. Ich bin von klein auf gewohnt, dass es eine konsensuale Wahrheit gibt. Es gibt die objektive Wissenschaft1, die offizielle Nachrichtensendung im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk2, und bei Konflikten entscheidet ein Gericht nach objektiven Beweisen3.
Wie wird Information über diese Wahrheit hauptsächlich transportiert?
- Texte
- Bilder
- Videos
Bei Texten wissen wir, seit die Schrift erfunden wurde, dass der Autor
- die Wahrheit schreibt,
- glaubt die Wahrheit zu schreiben, die Information aber falsch ist (Irrtum), oder
- er beabsichtigt die Unwahrheit schreibt (Lüge), ganz unbesehen davon, was er weiß.
Mit Worten lässt sich alles darstellen, die Kunst der Geschichte.
Im Falle von Bildern ist die Sache schon etwas schwieriger.
Solange Bilddokumente zur Informationsweitergabe gezeichnet oder gemalt wurden,
war der Aufwand schon deutlich höher als bei Textdokumenten.
Landkarten, Landschaftsbilder, Schatzkarten, Portraits u.s.w. —
wenn das in Auftrag gab, nur zum Zwecke der Irreführung, musste schon einiges an Motivation und Ressourcen dafür aufbringen.
Fürsten konnten sich das leisten für ihre Portraits.
„Schmeicheleien“, eine harmlosere Variante der Lüge.
Der Aufwand eines Bildes war dabei immer gleich, unabhängig vom Wahrheitsgehalt seines Modells.
Mit dem Aufkommen der Photographie wurden die Spielregeln geändert.
Die Realität aufzuzeichnen wurde simpel, die Fälschung blieb aufwändig.
Gleichzeitig bekam die Fälschung aber auch mehr Gewicht, denn für den Verstand ist ein Photo authentisch.
Während Gemaltes augenblicklich als künstlich, oder gar künstlerisch, wahrgenommen wird,
gilt ein Photo als objektiv;
somit geht die Fälschung direkter ins Bewusstsein.
Von Anfang an gab es natürlich auch billige Tricks, um den Rezipienten eines Fotos zu täuschen:
So kann man Fokus, Brennweite und Bildausschnitt so wählen, dass er zu einer Aussage passt oder Assoziationen hervorruft,

Etwas schwieriger, vor allem noch zur Zeit der Chemikalien-basierten Analogphotographie war des Entfernen von Teilen des Motivs, oder das Kombinieren eines Bildes aus mehreren anderen. Hier war handwerkliches Können und fundiertes Wissen die Grundlage, um Fälschungen zu erstellen, die nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar waren.
Eine berühmtes Beispiel ist ein Photo aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Es zeigt Ulysses S. Grant auf einem Pferd vor einer Szene mit vielen Soldaten. Es ist eine Montage aus drei Aufnahmen: General Grant at City Point, created circa 1902
Durch die Digitalfotografie und die Möglichkeiten der Bildbearbeitung („photoshoppen“)
wurde nach und nach das Erstellen von Fälschungen einfacher und damit billiger.
Die Werkzeuge zur digitalen Bildbearbeitung wurden immer ausgereifter, und die Phantasie reichte aus,
auch ohne Fachwissen zur Bildbearbeitung erdachte Szenen (Kunst, Ästhetik, Irreführung, Lüge) zu erstellen.
Was noch etwas Können erfordert, ist diese Manipulationen so zu vertuschen, dass nicht nur ein unbedarftes Auge getäuscht wird,
sondern auch Fachleute mit entsprechenden forensischen Werkzeugen.
Aber auch hier ist es ein Hochrüsten der Werkzeuge, bei dem das Enttarnen der Täuschung auf lange Sicht auf der Strecke bleiben wird.
Immer noch waren aber noch „echte“ Bilder die Quelle dieser Manipulationen.
Die völlige Loslösung von der Realität brachten KI-Modelle, trainiert mit Abermillionen von Bildern,
die aus einer textuellen Beschreibung ein real wirkendes Bild völlig synthetisch erstellen können.
Es ist hier durch die große Menge an Trainingsmaterial kein Rückbezug zu realen Fotografien mehr zu erkennen.
Die solcherart erzeugten Bilder haben innerhalb weniger Jahre eine Qualitätsstufe erreicht, dass sie oft nicht mehr von echten Bildern unterschieden werden können. Zwar benötigt es immer noch das Wissen, welche dieser KI-Bild-Generatoren das im Augenblick einigermaßen fehlerlos zustandebringen, und auch um das richtige Beschreiben für ein gewünschtes Ergebnis („prompting“) hat sich ein eigenes Fachgebiet entwickelt, aber ansonsten ist mit wenig (finanziellen) Mitteln und etwas Zeit ein augenscheinlich realistisches Foto kein Problem mehr.
Eine andere Klasse an authentischer Abbildung waren bis vor kurzen Videos.
Während Bilder auch von Amateuren schon lange – vor allem mit digitaler Bildbearbeitung – gefälscht werden konnten,
so waren manipulierte Videos lange eine Domäne von Leuten und Organisationen mit entsprechenden Mitteln.
Einzelne Bilder sind seit 20 Jahren gut manipulierbar,
für Videos gibt es entsprechende Werkzeuge zur Änderung von realen Videos nicht in diesem Umfang, und nicht so billig.
Diese Stufe der handwerklichen Manipulation von echten Videos wurde einfach übersprungen:
Nur kurze Zeit, nachdem die frei verfügbaren KI-Generatoren realistische Bilder erzeugen konnten, haben diese bei Videos nachgezogen.
So lassen sich kurze fotorealistische Videosequenzen praktisch kostenfrei erstellen,
entsprechendes Wissen über die Werkzeuge und richtige Beschreibung vorausgesetzt.
Somit sind wir am Ende dieser Geschichte angekommen:
- Texten misstrauen wir schon immer, betreffend ihren objektiven Wahrheitsgehalt,
- Bilder galten lange Zeit als starkes Indiz zur Tatsachenbehauptung, aber wir wissen mittlerweile, auch das sehr authentisch wirkende Bild kann eine Fälschung sein.
- Nun ist der Lack auch bei Videos ab. Denn alles Bild, es ist wie Gras. Was wir heute zu wissen glauben, weil es uns mit Fotos oder Videos gezeigt wurde, kann sich als dreiste Lüge herausstellen.
Man kann es auch positiv sehen: Die Lüge mit sämtlichen Medien wurde vollständig demokratisiert. Waren aufwändige Bildfälschungen früher die Domäne von Geheimdiensten und anderer mächtigen Organisationen, das kann indessen ein jeder.
Auslöser für das Schreiben zu dem Thema war dieses Video:
Das Video sieht sehr realistisch aus, die lachende Hexe ist so gebaut,
wie ich mir das von einem Halloween–Fan vorstellen würde.
Der Schattenwurf ist erstaunlich scharf, kann aber bei einer starken punktförmigen Lichtquelle korrekt sein.
Das selbstbewusste Verhalten des Kängurus hab ich in anderen Videos auch so gesehen.
Aber die allerletzte Szene ließ mich stutzig werden:
Das sah unnatürlich aus.
Warum?
Kurze Internet–Recherche zu: Können Kängurus rückwärts springen?
Nein, können sie nicht.

Ist dieses Video nun echt, oder KI-generiert?
Ich weiß es nicht, ich könnte sicher versuchen, die Indizien dafür zu sammeln.
Aber ist es das wert?
Eher nicht, es bleibt ein unterhaltsames Video, aber der Wahrheitsgehalt ist in etwa so einzuschätzen,
wie wenn mir jemand in der Straßenbahn diese Geschichte erzählt, oder ich in der Gratiszeitung davon lese …
Photographische Bilder bleiben ein Anspruch an die Realität. Sie drücken an der Quelle die Wahrheit aus oder die Lüge, die Vermittlung kann auch einem Irrtum unterliegen. Heute kann aber jeder auch mit Bildern lügen, der Aufwand dafür ist inzwischen sehr klein.
Was alle Arten von Medien betrifft, gilt nun konsequent: Trau Schau Wem!.