Wann ist ein Krieg gewonnen?

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Kriege gab es immer, schon Primatenhorden fielen übereinander her. Konflikte können Generationen überdauern, aber die heiße Phase, ein Krieg, findet doch meist einen Ausgang.

Die grobe Einordnung, wenn ein kriegführendes Land den Krieg als gewonnen deklarieren kann, scheint oberflächlich einfach zu sein: Man kontrolliert das andere Land, seine Bevölkerung, kann es tributpflichtig machen, seine Ressourcen abtransportieren, es entwaffnen, eine genehme Regierung einsetzen.
Im althergebrachten Denken bekriegt ein König oder Fürst einen anderen, will sich das Land des Konkurrenten einverleiben. Es ist ein auf Generationen ausgelegtes Projekt, das neue Land soll einverleibt werden, dessen Bevölkerung verschleppt und versklavt oder assimiliert werden. Auf lange Sicht aber jedenfalls zur eigenen hinzugefügt werden.

Unvergessene Kriege des 20. Jahrhunderts

Gilt das noch in einer Zeit, in der alles globalisiert ist, auch die Kriege?
Der sogenannte Erste Weltkrieg war eigentlich ein sehr europazentrierter Krieg, geprägt von Landgewinnen der kontinentalen Mächte. Es waren diese Staaten aber inzwischen zu gefestigt, als dass sie sich als ganzes einverleiben konnten, auch wenn beispielsweise Frankreich und Deutschland das mehrmals noch versuchten. Somit zerrieben sich diese Länder in einem industriellen Krieg, der eine Großmachtsstellung der Europäer gesamt beendete.

Der Zweite Weltkrieg, obwohl in Europa erneut um die Besatzung anderer Staaten geführt, ändert die ganze Weltordnung tiefgreifend. Er beendet die europäische Vorherrschaft über den Globus, und zwar ganz unabhängig vom Ausgang dieses Krieges.
Die fortgeschrittene Kriegstechnik ermöglichte es den europäischen Völkern, sich endgültig aneinander aufzureiben. Des mächtige europäische Deutschland verlor den Krieg, das mächtige Großbritannien und das mächtige Frankreich gewannen ihn.
Aber die Jahrzehnte danach zeigten, dass diese Nationen alle ein ähnliches Schicksal teilten: Ihr Einfluss schwand, auch wenn sie noch Jahrzehnte Zentren von Finanz, Wissenschaft und Industrie beherbergten, wurden sie vom jüngeren großen Bruder, den USA, überrundet. Das große, homogene, rohstoffreiche Land übernimmt das Kommando. Es war der eigentlich einzige Sieger des großen Krieges, obwohl es seine Grenzen nicht ausdehnte.
Zumindest seine offiziellen Grenzen, den die Einflusssphäre spannte sich fast über den gesamten Globus, mit wirtschaftlichen und militärischen Ausläufern in dutzenden Ländern.

Der einzige Konkurrent mit ähnlich guten Voraussetzungen – ein großes Land, eine große Bevölkerung, eine fortgeschrittene Kultur – konnte seinen militärisch teuer errungenen Sieg allerdings nicht nutzen und unterlag im direkten Krieg der Systeme der größeren Freiheit.

In diesem Krieg der Systeme gab es noch weitere Kriege, meist in Form von Stellvertreterkriegen der USA auf der einen, und der Sowjetunion (teilweise auch China) auf der anderen Seite. Bemerkenswert ist dabei, dass „Der Westen“ als der sichere Sieger dieses Krieges gilt, aber die USA selbst in den Augen der Öffentlichkeit oft als Verlierer der heißen Konflikte gilt.

Der bekannteste und von den Medien am stärksten dokumentierte Krieg ist der Amerikanisch-Vietnamesische Krieg. Der Ausgang gilt für die USA als eindeutig verloren1.

Militärische Abrechnungen

Die Bilanz ist verheerend: 58.220 Tote hatten die USA in ihrem Vietnamkrieg zu beklagen

Von den Toten auf vietnamesischer Seite steht in diesem Artikel aber nichts, wie so oft ist der Blick aus dem Westen sehr einseitig. Tatsächlich waren die Verluste der einheimischen Bevölkerung um Größenordnungen höher, je nach Quelle der Schätzung zwischen zwei und fünf Millionen.

Kann man – aus Sicht der Verteidiger – einen Krieg wirklich als gewonnen bezeichnen, mit diesem verheerendem Verlust?

Kann man wahrscheinlich. Die Vietnamesen hatten ein recht eindeutiges Kriegsziel: Die Besetzer (die USA waren dabei nicht die ersten, Vietnamesen kämpfen gegen chinesische, japanische und französische Besatzer) aus ihrem Land zu werfen.
Das ist recht spektakulär gelungen.

Auf der anderen Seite war es der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht wirklich klar, was ihr Land da tatsächlich zu erreichen versuchte.
Die „Abwehr“ des Kommunismus im globalen Maßstab war Doktrin, aber wie genau das durch einen gewonnenen Krieg messbar sein sollte, das lässt sich nicht so einfach deklarieren.

Da der Zweite Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt in lebendiger Erinnerung der Bevölkerung war, erschließt es sich, dass der Umgang mit Vietnam hätte ähnlich ablaufen und enden sollen, wie der Krieg gegen Deutschland und Japan: Eine Art der „milden“ Besatzung, Militärbasen, starker Einfluss auf Gesellschaft und Politik.
Während die deutsche Bevölkerung ihr altes Regime aber tatsächlich abschütteln wollte, und auch Japan die militärische Niederlage vollends akzeptierte, und sich somit kein wirklicher Widerstand gegen die US-Besatzung regte, konnte die USA sich auf diese Weise nicht in Vietnam etablieren.

Der Ausgang des Koreakrieges ein paar Jahre davor („Sagen wir Unentschieden“) brachte dem Land (Südkorea) eine starke Präsenz des US Militärs.

Geopolitische Abrechnungen

Dieses weltumspannende Netzwerk bildet eine Basis der US Hegemonie. Die Briten haben die Herrschaft über die Weltmeere nach den Weltkriegen an die USA verloren. Diese gründeten zwar keine Kolonien im althergebrachten Sinne, doch ihre Basen (derzeit schätzungsweise 750 bis 900) erfüllen einen ähnlichen Zweck ohne den psychologisch starken Eindruck einer direkten Besatzung. So kann das US Militär jeden Punkt der Welt in Kürze erreichen und so ihre Politik mit anderen Mitteln fortsetzen.

In Vietnam gelang das eben nicht, allerdings muss man sich fragen, wie dieser Teil der Welt ohne diesen Krieg ausgesehen hätte. Vietnam wurde trotz des Krieges zu einer Regionalmacht, möglicherweise wäre auch die Geschichte zwischen der Sowjetunion und China harmonischer verlaufen.

Kommerzielle Abrechnungen

Ein weiteres Phänomen, das bei der Einschätzung von Kriegen und deren Ausgang traditionell angewendet wird, ist die Pauschalierung der Kriegsteilnehmer auf Nationen. USA vs. Vietnam, Russland vs. Ukraine, Israel vs. Syrien.
Natürlich spiegelt diese Darstellung der Interessenslagen die Realität nur sehr verkürzt wider.

„Im Krieg gibt es nur Verlierer“, sagt man. Und was die normale Bevölkerung betrifft, ist das objektiv tatsächlich meist so. Im besten Falle werden Ressentiments gestillt, aber der Wohlstand einer breiten Bevölkerungsmehrheit leidet mehr oder wenig, je nach Kriegserfolg.
Auf der anderen Seite gibt es aber immer Profiteure der Kriegswirtschaft. Als allererstes natürlich die Rüstungsindustrie, aber auch die Finanzierer eines Krieges verdienen auf jeden Fall bei dessen Fortschreiten — unabhängig vom Kriegsglück der Kombattanten.

Die IBBC ist eine Bank. Ihr Ziel ist es nicht, den Konflikt zu kontrollieren, sondern die Schulden zu kontrollieren, die der Konflikt verursacht. Sie sehen, der wahre Wert eines Konflikts, der wahre Wert, liegt in den Schulden, die er verursacht. Du kontrollierst die Schulden, du kontrollierst alles.
(Der italienische Politiker Umberto Calvini im Film „The International“)

Das ist die Conclusio, wie für alles gilt auch für den Krieg:
Es sind nicht Staaten Gewinner und Verlierer von Krieg. Es sind Einzelinteressen, die Kriege starten und am Laufen halten. Wenige gewinnen, viele verlieren.

Und wenig ist so, wie es scheint.